Menschheit braucht Grenzen und Grenzüberschreitungen
- 9. Akademieabend an der Werratalschule -

Bereits zum neunten Mal präsentierten Schülerinnen und Schüler der Oberstufe der Werratalschule Heringen bei einem abendlichen Vortragsforum, was sie aus ihrem Fach zum übergeordneten Thema erarbeitet hatten. Wie Schulleiter Gerhard Ferenszkiewicz in seinen Begrüßungsworten hervorhob, gehört es zum festen Bestandteil des Schulprogramms, die jungen Leute, die kurz vor ihrem Abitur stehen, an das wissenschaftliche Arbeiten heranzuführen. Oberstudienrätin Hannelore Heymann, die den Akademieabend an der Werratalschule ins Leben gerufen hat und seither betreut, führte in das diesjährige Schwerpunktthema "Grenzen" ein und erklärte: "Als Leben entstand, war es nötig, dass sich Räume abgrenzten. Ohne Grenzen war kein Leben möglich."
Mit einer Überraschung warteten dann Madeline Schneider und Florian Roos aus dem Leistungskurs Biologie auf, indem sie in ihrer Präsentation herleiteten, wie es Jim Knopf gelang, die Evolutionstheorie zu retten. Der Autor Michael Ende entwickelte in seinem bekannten Kinderbuch ein Szenarium - Halbdrachen werden als weniger wertvolle Wesen vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen -, das der rassistischen Nazi-Ideologie fatal ähnelte. Die Nationalsozialisten missbrauchten die Evolutionstheorie zur "Zucht" von angeblich "gutem Erbmaterial" - eindeutig ein Überschreiten ethisch-moralischer Grenzen. Nachdem Madeline und Florian weitere Parallelen zwischen NS-Gedankengut und der Welt von Jim Knopf und Lukas, dem Lokomotivführer, aufgezeigt hatten, ließen sie die gespannte Zuhörerschaft aufatmen. Schließlich ist es ausgerechnet dem kleinen schwarzen Jungen gelungen, die sogar mit KZ-artigen Begriffen besetzte Welt von Jamballa zu retten, so dass es sich bei Endes Buch ganz offensichtlich um eine Gegengeschichte handelt, mit der der Evolutionstheorie von Charles Darwin eine "zweite Chance" gegeben wird.
Bis ins erste nachchristliche Jahrhundert gingen Desiree Tobisch, Manuel Hoffmann und Søren Berg Eisel aus dem Geschichtsleistungskurs mit ihrem Vortrag zurück. Sie fragten, ob der Limes nur der Verteidigung gegen die vielen verschiedenen räuberischen Germanenstämme diente. Kompetent zeigten sie die historische Entwicklung des römisch-germanischen Konflikts auf, bilanzierten aber auch, dass der Limes keine reine Abwehreinrichtung war, sondern auch Bevölkerungsströme kanalisierte, der Entstehung kultureller Zentren wie Köln, Frankfurt, Mainz, aber auch der gesamten Infrastruktur förderlich war, so dass sich sogar Parallelen zur heutigen EU aufdrängten.
Wer schon immer einmal wissen wollte, warum eine Sauce Vinaigrette sehr schnell wieder zerfällt, während eine Mayonnaise eine viel höhere Lebensdauer hat, erhielt die Antwort von Angela Igeska und Julia Zaenker aus dem Leistungskurs Chemie in ihrer kurzweiligen, teils praktischen, teils theoretischen Präsentation über "delikate Grenzflächen". Sie lieferten den wissenschaftlichen Beweis dafür, dass sich Wasser und Öl nicht mischen, und leiteten chemisch her, warum "das Eigelb das Gelbe vom Ei" bei der Stabilisierung des Öl-Wassergemischs und somit bei der Herstellung von Mayonnaise ist.
Die beiden Moderatorinnen des Abends, Pia Hornickel und Larissa Knierim aus der Einführungsphase der Oberstufe leiteten von diesem "appetitanregenden Vortrag" geschickt zur Pause über. Der Abiturjahrgang 2012 sorgte für eine ansprechende Bewirtung der Gäste. In dieser Zeit konnte man auch eine Fotoserie aus dem Fachbereich Kunst von Leon Pascal Schmidt, Adrian Reuling und Nik Laufkötter zum Thema des Abends betrachten. Visuell dargestellt waren hier vor allem Grenzen und Grenzüberschreitungen zwischen Alt und Neu, Diesseits und Jenseits.
Schon der Titel "Rück' mir nicht so auf die Pelle", mit dem Johanna Heinz (ebenfalls Leistungskurs Biologie) das Publikum zurück in den Vortragsraum holte, versprach gute Unterhaltung. Mit ihren Informationen, anschaulichen Fotos und kleinen Experimenten erreichte sie einen hohen Identifikationsgrad der Zuhörerschaft, wenn sie zum Beispiel die Unterschiede zwischen intimer, persönlicher, gesellschaftlich-wirtschaftlicher und öffentlicher Distanz erläutere und dabei auch kulturelle Unterschiede mit einbezog. Da durften auch Fotos vom deutschen Gartenzaun, dem Sandburgenbau am Strand oder dem berühmt-berüchtigten Handtuch auf dem Liegestuhl nicht fehlen.
Über die Berliner Mauer und die innerdeutschen Grenzanlagen referierten Saskia Huber und Marcel Baum (Leistungskurs Geschichte). Sie berichteten dabei nicht nur über die Gründe ihrer Entstehung, deren Auswirkungen auf die Menschen auf beiden Seiten und die Entwicklung, die schließlich zu ihrem Fall führte. Sie nahmen das Publikum auch mit an die Grenze zwischen dem heimatlichen Widdershausen und Dankmarshausen und erzählten von ihrem Interview mit einem ehemaligen Einwohner Dippachs, dem am ersten Januar 1967 die Flucht ins hessische Leimbach gelang. Rührend mutete das Fazit dieser jungen, erst nach dem Mauerfall geborenen Vortragenden an: "Die Grenze teilte Deutschland zwar politisch, aber das Volk konnte nicht wirklich getrennt werden."
Den Abschluss des Abends bildeten die Überlegungen von Jana Kirschner und Annabell Thiel aus dem Grundkurs Deutsch. Mit Goethes "Faust" sowie den Hauptfiguren aus Friedrich Dürrenmatts Tragikomödie "Die Physiker" versuchten die beiden die Frage zu klären, ob man der Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse moralische Grenzen setzen solle, könne oder überhaupt wolle. Möbius, eine zentrale Figur aus Dürrenmatts Drama, scheitert zum Beispiel daran, seine Erkenntnisse geheim zu halten, Faust schließt einen Pakt mit dem Teufel, um seine Grenzen zu überschreiten. Mit ihrem Bezug auf die Sündenfallgeschichte in der Bibel stellten Jana und Annabell die Fragen in den Raum: "Was wäre der Mensch, wenn er nicht Grenzen überschritte? Braucht Fortschritt nicht Grenzüberschreitungen?" Mit diesen Fragen, die nur jeder für sich beantworten könne, ging ein informativer und interessanter Abend zu Ende. (Fin)


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