"Warum waren wir plötzlich keine Deutschen mehr?"

Cara Focke, Oberstufenschülerin, berichtet über eine bewegende Begegnung mit einem Zeitzeugen an der Werratalschule Heringen

Die Frage, warum sie plötzlich nicht mehr als Deutsche galten, stellten sich wohl viele der im damaligen Nazideutschland deportierten Menschen.
Vor 1933 waren sie normale Landsleute und von einem auf den anderen Tag haben sie nicht mehr in das Bild des Deutschen Reiches gepasst, ohne Grund.
Homosexuelle, Sinti und Roma, geistig und körperlich eingeschränkte Menschen und hauptsächlich Juden, wie es sie in jedem Land gibt/gab, wurden Opfer der schrecklichen Vernichtungsmaschinerie. Diese Zeit ist und wird die dunkelste der Deutschen Geschichte und die aller beteiligten Länder bleiben.
Bei dem Thema Holocaust kommen viele Fragen auf, auf die vielleicht noch eine Hand voll unserer Zeitgenossen Antworten geben können, weil sie überlebt haben und noch immer leben. Doch die Zeit wird bald die letzten Zeitzeugen genommen haben, das ist Tatsache.
Kein Film, kein Tonband, keine Zeitung, kein Geschichtsbuch und auch kein Lehrer oder Historiker hätte uns so bildlich erzählen können, wie Herr Martin Löwenberg es am 06.April tat.
Alle 13. und 12. Klassen und eine 9. Klasse waren in der Aula versammelt und schon nach wenigen der teils deutschen, teils englischen Worte Löwenbergs von seiner Leidensgeschichte gefangen. Es ist ein Einzelschicksal, welches jedoch für Millionen Mitleidender spricht.
Es herrschte eine unheimliche Stille in dem großen Raum und die Luft füllte sich mit Spannung, Angst, Mitgefühl, mit Fragen, Gedanken, Betroffenheit und immer mehr mit Dankbarkeit. Denn so schlimm diese Zeit auch war, so wichtig ist sie als Mahnung für uns alle, dass sich Ähnliches nie wieder ereignen darf.
Herr Löwenberg kommt aus Schenklengsfeld, wo er den ersten Teil seiner Kindheit und wahrscheinlich auch den glücklichsten verbracht hat. Dort steht mit 1120 Jahren eine Linde, der älteste Baum Deutschlands, welchen Martin Löwenberg noch aus seiner Kindheit kennt und der viel Vergangenes erlebt hat. Dieser Baum ist seit Jahrhunderten in dem kleinen Ort im wahrsten Sinne des Wortes verwurzelt, genauso wie es die jüdischen Mitbürger waren, es war ihre Heimat seit Generationen.
Der sympathische alte Mann schrieb der Linde eine große Bedeutung zu und vielleicht war sie es, die ihm über die vielen Jahre die Kraft gegeben hat, immer weiter zu machen und nicht aufzugeben, und die bewirkt hat, dass er trotz seiner 87 Jahre mit noch so viel Kraft in seiner Stimme und in seinem Auftreten berichten konnte.
Doch er hat eine grausame Jugend und Vergangenheit gehabt. Nachdem zuerst das Haus der Familie Löwenberg von Antisemiten abgebrannt wurde, zog sie nach Fulda, hatte jedoch dort, weil sie jüdisch war, Probleme sich zu ernähren und sich einzuleben. Die Familie konnte hier nicht sehr lange leben, denn nach der Reichspogromnacht 1938 wurde sie nach Riga in Lettland deportiert. Allerdings blieb sie dort nicht mehr lange vereint, hier kam irgendwann der Zeitpunkt, an dem Martin Löwenberg seine Eltern und seine kleinen Zwillingsbrüder das letzte Mal sah. Er und seine ältere Schwester wurden ebenfalls getrennt und hatten von nun an in Konzentrationslagern grausamste und härteste Zwangsarbeit zu leisten, um zu überleben.
Löwenberg und seine Schwester überstanden die furchtbaren 12 Jahre voller Qual, Hunger, Arbeit, Demütigung, Angst, Todesangst, und doch hatten sie nie die Hoffnung verloren. Zum Glück!
Nie mehr hat er Bekannte oder Freunde aus der Zeit vor dem Holocaust wieder gesehen oder Kontakt mit auch nur einem gehabt, erzählt der nette alte Mann. Er ist von seiner Vergangenheit gezeichnet, doch er hat eine außerordentliche Willensstärke. Aber würde man ihm heute im Alltag auf der Straße begegnen, könnte man nicht ahnen, wie diese Vergangenheit ausgesehen hat. Und selbst die, die seine Ausführungen in der Aula mitverfolgten, konnten sich wohl nur einen Bruchteil dieser Erlebnisse wirklich vorstellen.
Nur, wer jene Jahre persönlich miterlebt hat, kann wissen, wie es sich anfühlt, ganz plötzlich vom eigenen Vaterland abgestoßen zu werden, von ehemaligen Freunden beschimpft und verachtet zu werden, vom einen Moment auf den anderen in ärmlichsten, qualvollsten Bedingungen zu leben, seine Familie verlieren zu müssen und nicht zu wissen, wie es weitergehen soll und ob man noch hoffen kann.
Wir können heute dankbar sein und uns glücklich schätzen, dass wir, so schrecklich diese Zeit auch gewesen ist, die Möglichkeit hatten, aus erster Hand geschildert zu bekommen und Fragen stellen zu können.
Dieses Ereignis war sehr einprägsam und wichtig, denn es darf nicht weggeguckt werden, niemals, egal wie viel Zeit noch vergeht, man darf einfach solche entsetzlichen geschichtlichen Ereignisse nicht mit der Zeit verschwinden lassen und verschweigen.
Denn eines muss gewahrt bleiben:
Die Erinnerung als Mahnung für alle Zeit, damit die Welt derartige Dinge niemals wieder zulässt!!

 

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