Die Frau vom Checkpoint Charlie zu Gast in der Werratalschule

Jutta Fleck und zwei weitere Zeugen der DDR-Diktatur schilderten an zwei Projekttagen den Schüler/innen der Q2 und Q4 die dramatischen Geschichten ihrer Flucht aus der DDR.

Quelle: http://www.hersfelder-zeitung.de/nachrichten/kreis-hersfeld-rotenburg/friedewald/zeugen-ddr-diktatur-1233627.html
Artikel publiziert am: 06.05.11

Heringen. Jutta Fleck ist die wahre „Frau vom Checkpoint Charlie“. Die dramatische Geschichte ihrer gescheiterten Flucht aus der DDR, der spektakuläre Kampf um die Ausreise ihre Kinder, nachdem sie nach längerer Haft in den Westen abgeschoben worden war, wurden mit Veronika Ferres in der Haupt- und Titelrolle verfilmt. Am Mittwoch und Donnerstag war Jutta Fleck zu Gast in der Heringer Werratalschule, zusammen mit zwei weiteren Zeitzeugen der deutschen Teilung.


Opfer der DDR-Willkürherrschaft: Jutta Fleck (2. von rechts) kämpfte jahrelang mit spektakulären Aktionen für die Ausreise ihrer Töchter und wurde als „Frau vom Checkpoint Charlie“ bekannt. Gemeinsam mit den Zeitzeugen Michael Klug (links) und Steffi Barthel gestaltete sie an zwei Tagen den Geschichtsunterricht in zwei Oberstufenklassen an der Werratalschule. Eingeladen hatte sie der Lehrer Hans-Werner Bachelier (rechts). Foto: Lenz

Bei der Landeszentrale

Jutta Fleck arbeitet heute als Leiterin des Schwerpunkts „Politisch-historische Aufarbeitung der SED-Diktatur“ in der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung. In dieser Eigenschaft lernte sie Geschichtslehrer Hans-Werner Bachelier bei einer Lehrerfortbildung kennen – und engagierte sie für seinen Oberstufen-Unterricht in Heringen.

Mit Erfolg, wie sich in dieser Woche zeigte. „Man merkt es am Interesse der Schüler“, sagt Bachelier, „Geschichte und Emotionen aus erster Hand, durch Zeitzeugen vermittelt, übertreffen jede noch so gute Dokumentation.“

Wobei der Standort Heringen nahe des ehemaligen Eisernen Vorhangs für die heutige Abitur-Generation keine Rolle mehr spielt. „Die DDR ist für unsere Schüler Vergangenheit, die ältesten sind 1991/92 geboren“, erläutert der Lehrer. „Da können Sie das Thema genauso gut im Ruhrgebiet durchnehmen.“

„Es tut mir gut“

Für Jutta Fleck sind Auftritte wie in der Werratalschule, bei denen sie immer wieder ihr eigenes Schicksal rekapituliert, auch ein Weg, das Erlebte zu verarbeiten. „Es tut mir gut, darüber zu sprechen“, erklärt sie. „Und ich sage mir, man muss etwas tun, um sich selbst im Spiegel anschauen zu können.“ Die Schülerinnen und Schüler in Heringen hätten ihr fasziniert zugehört, das habe sie motiviert.

An der Werratalschule las sie an beiden Tagen Passagen aus dem Buch „Die Frau vom Checkpoint Charlie“, zeigte einen Dokumentarfilm von 2008 über ihren Fall (nicht zu verwechseln mit dem Spielfilm) sowie den Film „Checkpoint Q - wir wollten frei sein“ über weitere authentische Flüchtlings- und Dissidenten-Schicksale. Vor allem aber diskutierten sie und ihre beiden Begleiter mit den jungen Leuten über die Unterdrückung im anderen Deutschland.

Geflüchtet, erwischt

Mit dabei waren Steffi Barthel, die mit 15 im Auto aus der DDR geschmuggelt wurde und sich heute als Künstlerin mit dem Thema auseinandersetzt, und der ehemalige NVA-Offizier Michael Klug, der bei einem Fluchtversuch erwischt und zu acht Jahren Haft verurteilt wurde. Wie Jutta Fleck wurde er von der Bundesrepublik freigekauft – allerdings erst kurz vor Ablauf seiner Haftzeit 1984.

Wie wichtig die Aufklärung über die DDR-Geschichte generell ist, erfährt Jutta Fleck immer wieder auf Lesereisen, auch in den so genannten neuen Bundesländern. Einerseits trifft sie dort auf Menschen, die wie sie reden wollen über die Unterdrückung, Bespitzelung und Ausgrenzung im SED-Regime. Andererseits hat sie auch aggressive Störversuche durch Anhänger der alten Ordnung erlebt.

Von Peter Lenz



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