Niemals allein den Chatpartner treffen

Neue Medien | Mediencoach informiert Eltern und Lehrer über Chancen und Risiken des Internets

Philippsthal – Handy und Internet sind aus der heutigen Zeit nicht mehr wegzudenken. Schon Grundschüler lernen damit umzugehen. Meist kennen sie sich nach kürzester Zeit damit besser aus als ihre Eltern. Doch die neuen Medien sind nicht ohne Gefahren. Zum Vortrag: „Neue Medien im Spannungsfeld – zwischen Chancen und Risiken für Kinder und Jugendliche“ hatten die Schulelternvertretung des Johann-Gottfried-Seume-Gymnasiums Vacha und die Werratalschule Heringen Eltern, Lehrer und Schüler in die Kreuzberghalle nach Philippsthal eingeladen.
Dr. Wolfgang Neumann, Schulelternsprecher des Johann-Gottfried-Seume-Gymnasiums, dankte Philippsthals Bürgermeister Ralf Orth für die kostenlose Bereitstellung der Kreuzberghalle. Da der Referent aus dem Hessischen Beamtendienst komme und durch das hessischen Netzwerk „Schule machen ohne Gewalt e.V.“ unterstützt wurde, war es nötig einen Veranstaltungsort in Hessen zu finden. Der Bürgermeister erklärte sich schnell bereit zu helfen, schließlich besuchen viele Kinder aus Philippsthal das Vachaer Gymnasium und es gibt eine Partnerschaft zwischen beiden Orten.
Referent des Abends war Kriminaloberkommissar Jürgen Stiebing aus Bad Hersfeld. Der zertifizierte Internetmediencoach wollte die Eltern für den Umgang mit den neuen Medien sensibilisieren. Eine Untersuchung zum Medienumgang von Kindern und Jugendlichen, die JIM-Studie, habe gezeigt, dass schon 39 Prozent der Sechs- bis Siebenjährigen das Internet nutzen, 70 Prozent der 12- bis 13- Jährigen mindestens einmal in der Woche online sind und 97 Prozent der Jugendlichen regelmäßig ins Netz gehen.
Stiebing nannte Chancen und Risiken des Internets. Als vorteilhaft sah er an, dass es die größte Wissensdatenbank der Welt, ein grenzenloses Einkaufsparadies und ein Spieleparadies sei und jeder die Möglichkeit habe, sich selbst darzustellen. Allerdings kämen damit auch negative Aspekte hinzu: Alles im Netz geschieht weitestgehend ohne Beschränkungen. Kindern und Jugendlichen drohen daher nicht zu unterschätzende Gefahren: Seiten mit jugendgefährdenden Inhalten, Datenmissbrauch, sexuelle Belästigung oder das Entstehen eines suchtähnlichen Verhaltens seien nur einige Gefahren.
Um dem vorzubeugen riet Jürgen Stiebing, dass jüngere Kinder nur unter Aufsicht ins Internet gehen sollten. Gemeinsam sollen Eltern und Kinder Regeln zur Internetnutzung aufstellen. Ideal ist die Einrichtung eines separaten Benutzerkontos, welches mit Pop-up-Blockern versehen sei oder die Installation einer Filtersoftware, um das Aufrufen von Abzockeseiten oder Seiten mit jugendgefährdenden Inhalten zu unterbinden.
Vor allem sollten Eltern mit ihren Kindern ins Gespräch kommen, sich dafür interessieren, welche Seiten das Kind besucht oder welche Musik auf dem Handy ist. Er wies darauf hin, dass es auch die Möglichkeit gebe, sich über Seiten im Internet zu beschweren. Unter www.internet-beschwerdestelle.de oder unter www.jugendschutz.net können Seiten mit verdächtigen Inhalten gemeldet werden.
Viktor Mayer-Schönberger, Medienrechts-Experte an der Harvard Universität habe einmal gesagt, dass man im Internet „nur das preisgeben soll, von dem man will, dass es jeder weiß“, denn „das Internet erinnert sich ewig“. Dieser Satz sollte gerade beim Umgang mit Daten im Netz beachtet werden. Jugendliche nutzen gern das größte deutsche Schülernetzwerk, SchülerVZ, mit mehr als vier Millionen Mitgliedern. Täglich werden 600 000 neue Bilder hochgeladen. Allerdings sind dort viele Leute unter falschem Namen registriert, um andere auszuspähen. Jugendliche sollten bedenken, dass auch zukünftige Personalchefs dieses Netzwerk entdeckt haben, um sich über Bewerber zu informieren. Daher sei es wichtig festzulegen, wer die eigenen Seiten sehen darf und was überhaupt veröffentlicht wird.
Auch beim „chatten“ müssen gewisse Regeln beachtet werden. Chats zu verbieten sei der falsche Weg, aber die Eltern sollten die Chats kennen, in denen ihre Kinder unterwegs sind. Auch sei es wichtig, dass Kinder wissen, der Chat-Partner ist nicht immer der, für den er sich ausgibt. Angaben zur eigenen Person sollten daher so allgemein wie möglich gehalten und niemals Adresse oder Telefonnummer im Chat freigegeben werden. Kinder sollten sich niemals mit ihrem Chatpartner allein zu einem Treffen verabreden. Falls Kinder im Chat beleidigt oder sexuell belästigt werden, riet der Kriminaloberkommissar, diesen Vorfall unbedingt bei der Polizei anzuzeigen. Ideal wäre, wenn ein Screenshot vom betreffenden Chatroom oder ein Ausdruck der Seite gemacht wurde.
Stiebing befasste sich auch mit dem Thema Urheberrechtsverletzungen. Hier appellierte er an die Eltern, mit gutem Beispiel voranzugehen. „Ich kann meinem Kind nicht verbieten, Musik herunterzuladen, wenn es sieht, dass der Vater selbst illegal den neuesten Film aus dem Netz zieht“. Große Plattenfirmen beschäftigen ganze Anwaltskanzleien, die zivilrechtliche Prozesse gegen illegales Herunterladen führen. Über die individuelle IP-Adresse des Rechners kann der Urheber ermittelt werden. Schnell erhalten die Betroffenen einen Bescheid zum Zahlen von ein paar Tausend Euro. Dabei sind wieder die Eltern gefordert. Sie müssen ihre Kinder über die Risiken aufklären. Jugendliche, die älter als 14 Jahre sind, sind strafmündig und können damit für ihr Handeln zur Verantwortung gezogen werden.
Bei Kindern und Jugendlichen nehmen Computerspiele einen großen Raum ein, wobei mehr Jungen als Mädchen spielen. Um suchtähnlichem Verhalten vorzubeugen, sei es wichtig, dass Computer-Nutzungszeiten mit den Kindern vereinbart werden und die Altersfreigaben der Spiele beachtet werden. Im Zweifel sollten Eltern selbst einmal das Spiel spielen oder auch mit Freunden und Lehrern reden, ob sich Kinder in ihrem Verhalten verändert haben.

Dieser Artikel von Annett Sach erschien in der Südthüringer Zeitung vom 08.09.2009


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